Überaschung

 

In dieser Nacht warf ich mich fiebrig umher. Meine Schulterwunde pochte und brannte und ich wünschte mir Schlaf oder Ohnmacht herbei.     Vergeblich.      Erst in den frühen Morgenstunden fand ich schließlich Schlaf, oder, der Schlaf fand mich... Dennoch träumte ich wirr und schlecht.

Am nächsten Morgen erwachte ich schweißgebadet, doch etwas war anders. Irgendjemand, irgendetwas fehlte. Es war ruhig und das Feuer glimmte nur noch schwach. Aus der Ferne hörte ich ein leises Gespräch. Ich erkannte die Stimmen von Vanissa und Angelyn, und vernahm auch eine tiefe, mir unbekannte Stimme, doch es war immer noch nicht das, was mich verunsicherte, denn das Gespräch verlief ruhig.

Ich drehte mich um und setzte mich auf. Ich verspürte ein leises Ziehen in der Schulter. Jetzt wusste ich, was mich verunsichert hatte. Das einzige, was noch zu sehen oder zu spüren war, war der Abdruck eines kleinen Kristalls auf meiner Haut. So etwas konnte nur Elano!  Vorsichtig ließ ich meine Arm kreisen und tatsächlich, bis auf das leise, nicht unangenehme Ziehen war die Wunde vollständig verheilt.       Mit ein wenig Wasser, welches mir die Singarons hingestellt hatten, wusch ich mir den Schweiß ab und versuchte, mein wirres Haar ein wenig zu ordnen. Außerdem verbarg ich den Beutel mit dem Elano-Kristall unter meiner Tunika verschwinden. Dann schlich ich mich in Richtung des Gesprächs.

Auf drei größeren Steinen saßen Vanissa, ihr Bruder und ein großer, hagerer Mann, dessen lange grauen Kopf- und Barthaare sich über seine blaue Tunika ergossen und sich in einem über seiner Schulte hängenden Psalter verhingen. Obwohl ich bei meinem Kommen kaum ein Geräusch verursachte, blickte der Alte mir bereits entgegen.

"Sei mir gegrüßt, Marlea Waldkind", sprach er, "Ich werde Astron genannt. Wir, deine Freunde und ich, sprachen bereits über dich."             Das war überraschend. Der Mann, den wir gesucht hatten und viel tiefer in Waldwurzel vermutet hatten, besuchte uns hier, in diesem namenlosen Ort"    

"Es ist mir eine Ehre", gab ich darum die formelle Antwort zurück. "Aber woher wusstet Ihr, dass Ihr hier auf lebende Wesen stoßen würdet?"

Der Älteste lächelte kühl. "Vor einigen Tagen kreiste einer der seltenen Sundraes über mir. Ich wunderte mich über die Zutraulichkeit des Vogels und beobachtete ihn. Da warf er mir ein Schreiben der Hüterin zu und ich wachte mich auf den Weg. Es würde mich sogar nicht wundern, wenn diese vermaledeite Magierin den Geist des armen Tieres besessen hätte!"

"Das muss Layna gewesen sein!"

Der Alte runzelte die Stirn und murmelte dazu nur ein "das mag durchaus sein..." Dann fuhr er fort:"Aber in dem Schreiben stand, du hättest sicherlich einige Fragen an einen alten Mann."

 "Ja, das stimmt. Ich hörte, Ihr seid der Vergessenen Sprache mächtig." "Ah, aber meine Kenntnisse sind stark begrenzt."

"Dann sagt uns, was bedeutet: Dor henn elìn?", kam Vanissa mir zuvor. Der Blick des alten zeigte einen Moment eine merkwürdige Erregung, doch dann beherrschte er sich wieder.   "Wo ... standen ... diese Worte?"  Bevor Vani antworten konnte, tat ich es selbst, denn mein Gefühl gebot mir, von dem Elano zu schweigen.

"Es stand in ... einem Buch", antwortete ich darum ausweichend.   Was mir einen noch interessierteren Blick einbrachte.

"Dies ist eine alte magische Formel, bedeutet frei übersetzt in etwa: Ich bin Licht, oder, Ich bin Leben, meistens aber Ich bin Macht. 'Elìn' findet sich in jedem halbwegs wirkungvollen Runenzauber. Es kann nicht in einem ... Buch ... gestanden haben, die Macht der Formel hätte es bereits beim Schreiben in Flammen aufgehen lassen!   Aber ich will nicht wissen, wo es wirklich stand. Ich ahne es, das reicht. Aber die Hüterin hatte eine Botschaft für dich, Kristallträgerin. Diese besagt: Bleib wo du bist, Tochter, denn der Ort ist Silber, nein Gold und mehr wert. Suche und finde. Nichts ist wie es scheint!"

"Sagt dir das etwas, Kristallträgerin?"   "Wohl nicht mehr als Euch, Ältester."

"Was könnte an einen so trostlosen Ort wie diesen hier wertvoller als Gold sein?", brachte Angelyn die Sache auf den Punkt.

Dies war wohl die alles entscheidende Frage. Zumal ich ahnte, dass einer von uns die Antwort wusste. Als ihr Bruder die Sache laut ausgesprochen hatte, hatte mich Vani fest angesehen und war sogar ein wenig bläulich geworden, ein sicheres Zeichen dafür, dass die etwas sehr wichtiges mitzuteilen hätte.      Doch das Schweigen dauerte an.

Schließlich räusperte sich der Älteste Astron, hob grüßend die Hand zum Abschied und ging fort von unserer kleinen Gemeinschaft, ein altes Kinderlied summend.

Erst als er außer Hör- und Blickweite war, begann Vani, zögerlich und anfangs leise, zu sprechen: "Da war eine Höhle. Sie war so seltsam. Es war kein bisschen dunkel, alles war hell erleuchtet, Und alles so klar. Selbst in der Ferne konnte ich jede Einzelheit erkennen. Alles war still. Und als ich mich länger umsah, da konnte ich erkennen, dass das Licht aus unendlich vielen Kristallen stammte. Und ganz hinten, da war unser alter Shanon, unser Familienbesitz, ich habe es ganz sicher gesehen, doch nein, das kann nicht sein, einfach unmöglich... Aber ich wollte unbedingt dorthin. Kann das nicht der Ort sein, der kostbarer ist als Gold?"

"Du hast recht", rief ich vollkommen überrascht aus. "Das muss er sein. Diese Kristalle, das war Elano, da bin ich mir ganz sicher, deshalb konntest du auch mit dem Fels verschmelzen. Es muss einfach so sein! Alles andere ergibt gar keinen Sinn!"   "Wir müssen einen richtigen Eingang finden, es muss einen geben, denn wer sucht der soll schließlich finden. Aber wir sollten uns vorbereiten. So etwas magisches ist wohl kaum ohne Hindernisse zu erreichen."

Layna auf meiner Schulter kreischte dazu wissend.

 



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